Alte Telefone – analog statt digital

Inzwischen hab ich gelesen, es gibt einen Gegentrend zur Digitalisierung des Alltags. Hätte man mir das früher gesagt, hätte ich es nicht erfinden müssen 🙂

Von daher: Willkommen im letzten Jahrhundert! Hier gibts noch Telefone mit echten elektromechanischen Klingeln statt nervigem Elektrogedudel. Hier nimmt man noch den Hörer von der Gabel. Und man weiss vorher nicht, wer anruft. Verpasste Anrufe sind verpasst, kein blinkendes Lämpchen erzwingt seine Aufmerksamkeit um es einem aufzudrängen (ich kann es aber in der Fritzbox nachgucken). Hier braucht man noch Telefonnummern im Kopf oder auf Papier, die man dann von Hand eingibt. Hier gibts noch Wählscheiben und sogar schon Tasten (die sich damals nur zögernd durchsetzen konnten). Es gibt keine Menus, keine gespeicherten Einstellungen, keine Firmware, keine Updates. Hier lenkt einen nichts ab vom Gespräch, keine bunten Bildchen und keine Katzenvideos im Gruppenchat. Und Telefon schrieb sich Telephon, jedenfalls vor meiner Zeit.

Jaja, die gute analoge Zeit. Dabei fing es so harmlos an: Ich wollte einfach mein stark strahlendes DECT-Telefon abschalten und ersetzen. Klar, ich hätte mir ein strahlungsreduziertes DECT-Telefon kaufen können. Aber das wäre zu einfach, und ein großes Übel wäre nur durch ein kleines Übel ersetzt worden. Und überhaupt, noch mehr Zeug aus China…

Man kann so einen neuen Bedarf ja auch zum Projekt machen. Und tadaa: Nach wenigen Tagen hatte ich eine Flut von alten Telefonen zur Hand:


Das war das erste, ein W48, zu teuer gekauft. Die Wählscheibe und die Schaltmechanik dahinter sind schon mal ersetzt worden, vermutlich aus einem FeTAp 61er Typ (die buckeligen mausgrauen oder dunkelkotzgrünen Dinger der 70er). Wenigstens die Scheibe musste wieder originalgetreuer werden. Die Originalscheiben der W48 passen!


Dann kam dieses Set aus den Kleinanzeigen dazu. Das orangene Tastentelefon unten links hat ein defektes Gehäuse und war eine kostenlose Beigabe zum schlachten. Die Sprechkapsel habe ich umgebaut, die passt nun in das W48 (Rückseite des Gehäuses abgesägt und isoliert, Anschluss im Hörer mit Kabeln, im Hörer müssen die Federbleche weg). Das orangene Telefon dadrüber verkaufe ich wieder, nachdem ich es instandgesetzt habe. Mit den Knallbonbonfarben der 70er bin ich durch, die sind aber gefragt. So kann ich einen Teil der Kosten wieder rein holen.


Das ist ein W49 vom Flohmarkt. Die sind schon seltener. Man kann sie als Wandtelefon umbauen. Hör- und Sprechkapsel fehlen. Die ‘Hörerschnur’ muss instandgesetzt werden. Im Fachjargon heisst der Hörer ‘Handapparat’. Und die Klingel heisst ‘Wecker’. Es gibt wohl keinen Postbeamtenwitz, der dazu nicht schon gemacht worden ist 🙂

Ein paar Bilder vom W49:


W48 und W49 zusammen. Die Bakelit-Gehäuse werden mit Spüli gereinigt, wo nötig noch mit Bremsenreiniger und Zahnbürste. Dann polieren mit Nevr-Dull: Einfach mit der Politur einreiben und gründlich (>30 Minuten!) eintrocknen lassen. Dann mit einem sauberen Poliertuch kräftig polieren.
Die Wählscheibe des W48 habe ich schwarz lackiert. Das ist aber noch keine endgültige Lösung. Diese Telefone kann man schon an die Analogeingänge der Fritzbox anschliessen. Die klingeln dann auch und man kann Anrufe entgegennehmen. Nur rauswählen geht so noch nicht wegen der Impulswahl. Das gleiche gilt für diese:


Die drei 80-er Jahre Schätzchen aufgearbeitet. Aber:


Dann bekam ich noch diese Ausschlachtgeräte aus den Kleinanzeigen von einer sympathischen Verkäuferin.
Das schwarze Wandtelefon ist ein W51. Von der Hörergabel ist ein Zacken abgebrochen, ich betrachte es also mal als Ersatzteillager mit der Option eines späteren Aufbaus. Die Wählscheibe ist an mein W48 ausgeliehen.
Vom grauen Wandtelefon konnte ich die Hör- und Sprechkapsel in mein W49 übernehmen.
Jetzt zum Aber von oben:


In dem braunen DeTeWe-Tastentelefon vom letzten Foto schlummerte ein seltener und begehrter TWB-71 Tastenblock mit Tonwahl (nur deshalb habe ich das hässliche braune Teil gekauft). Den konnte ich problemlos 1:1 in mein rotes Tastentelefon einbauen:


An die Kontakte musste ich noch mit Kontaktspray ran, dann funktionierte das tadellos.


Und nun habe ich ein erstes Telefon, das ich am Analoganschluss der Fritzbox anschliessen kann. Damit konnte ich also endlich auch jemanden anrufen. Die Verständigungsqualität ist viel besser als mit dem moderneren DECT-Telefon. Keine Ahnung warum, ich fand das Teil immer schon nervig. Genau wie mein Handy.
Und deshalb baue ich nun noch was: Aus dem Hörer des defekten orangenen Telefons und einem Headset baue ich einen Telefonhörer fürs Handy. Klar, das gibt es auch aus China schon fertig geliefert für ein paar Euro. Aber nein danke, ich baue lieber selbst.

Was wird nun mit den Wählscheibentelefonen? Ältere Fritzboxen kommen mit der Impulswahl der Wählscheiben noch klar, meine nicht mehr. Aber die hat einen ISDN-S0-Anschluss. Dort kann man einen ISDN-Terminal-Adapter anschliessen. Davon gibt es einige, an die man plug&play Analogtelefone anschliessen kann. Und die können auch noch Impulswahl. Man bekommt sie nur noch gebraucht. Infos dazu: waehlscheibentelefon.info

Damit kann ich meine Telefone nach Gusto abwechselnd verwenden. Es sind ja genug. Das reicht schon 🙂 Mehr sollen es nicht werden, ich bin ja kein Sammler.